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Gorillas

(IRS) – Ein Befund ist der zentrale Bestandteil eines Gutachtens. Ohne einen Befund kann es keine gutachterlichen Schlussfolgerungen geben, die unumgängliche Voraussetzung für die Beantwortung der Fragen aus dem Gutachtensauftrag sind. Sofern nicht die – sehr seltene – Vorgabe gilt, dass vom Befund eines Dritten auszugehen ist, wird der beauftragte Sachverständige im Befund seine persönlichen Feststellungen treffen und sich daher auf seine eigenen Wahrnehmungen verlassen. Eingedenk seiner Sorgfaltspflicht wird er nach der Wahrheit suchen und bemüht sein, dabei keiner Täuschung zu unterliegen.

Gefahr von Schnellsch(l)üssen

Das ist angesichts der verborgenen Komplexität vieler Aufgaben nicht immer so einfach, wie es sich zu Beginn der Bearbeitung oft darstellt. Jeder Auftrag ist einzigartig. Und manchmal ist das Sammeln und Sortieren von Informationen derart schwierig, dass im Suchen nach Orientierung heftig im eigenen Erfahrungsschatz gekramt wird. Wie in diesem Blog schon mehrmals erwähnt, kann sich vormals Erlebtes jedoch als unpassender Stolperstein erweisen: Täuschungen und in Folge vorschnelle Schlüsse auf Grundlage scheinbar ähnlicher Fälle oder Sachverhalte können den richtigen Lösungsweg arg blockieren. Im günstigen Fall werden solche Fehler noch vor der Abgabe des Gutachtens entdeckt, jedenfalls ist lästiger Korrektur-Aufwand die Folge.

Druck auf Übereinstimmung

In bestimmten Fällen wird in Gutachtenserörterungen vom Sachverständigen besonders gute Standfestigkeit gefordert, vor allem dann, wenn das Ergebnis den – vielleicht auch unausgesprochenen – Erwartungen des Gerichts nicht entsprochen hat. Aber auch dann sind Nachgeben, Einknicken oder Selbstverleugnung für einen Sachverständigen nie eine Option. Der Widerstand zumindest einer der Streitparteien eines Verfahrens ist im Regelfall zu erwarten, gehört also dazu. Den Standpunkt gegen Widerstände aufrecht zu halten kann dann sehr hart werden, wenn ein Sachverständiger damit rechnen muss, von einer nicht mit dem Gutachten einverstandenen Partei vor Gericht gezerrt zu werden. Nebenbei angemerkt: Es mag sein, dass derartige Tendenzen nicht unwesentlich zum aktuellen Mangel an Sachverständigen beigetragen haben.

Der Asch-Effekt …

Im Zusammenhang mit dem Verharren auf dem als richtig erkannten Standpunkt ist folgendes interessant: Solomon Elliot Asch (1907 – 1996) war ein amerikanischer Gestaltpsychologe mit polnischen Wurzeln. Ein nach ihm benanntes Experiment bezieht sich auf das Bestreben oder die Neigung von Menschen, ihre eigene Wahrnehmung, ihr Urteil oder ihre Meinung nach der Mehrheit auszurichten, selbst wenn diese erkennbar nicht den Tatsachen entspricht. Bereits im Jahre 1951 setzte er dazu eine Versuchsreihe auf: Acht Personen bekamen je eine Karte mit einer Referenzlinie und drei Vergleichslinien A, B und C. Die Personen sollten angeben, welche der Linien gleich lang sei wie die Referenzlinie (richtige Antwort: C).

… und der Zwang zur Konformität

Entscheidendes Detail: Nur eine der im Raum anwesenden acht Personen war eine echte Testperson, die übrigen waren Schauspieler. Die Testperson wurde als Letzte oder Vorletzte gefragt. Die Schauspieler wurden angewiesen, gemeinsam eine falsche Antwort zu geben, nämlich B. Es fanden mehrere Fragerunden statt, danach auch mit anderen Testpersonen. Das Resultat? 76 % der Befragten passten sich wenigstens einmal der falschen Meinung der Mehrheit an! Nur 24 % der Teilnehmer blieb standfest! Sieht man sich das Ergebnis insgesamt an, stimmten die Teilnehmer in etwa 32 % bis 37 %  der Durchgänge der Mehrheit zu.

Was waren die Gründe für dieses Ergebnis?

Es lassen sich wahrscheinlich mehrere Auslöser anführen, die zum genannten Resultat geführt haben, aber als Hauptgründe wurden genannt:

Normative Einflüsse: Diese beziehen sich darauf, dass die Testpersonen schlicht und einfach zur Gruppe dazugehören wollten du zugleich auch eine gewisse Angst vor Ablehnung gespürt haben mögen. Man könnte auch sagen, dass die Testpersonen nicht „negativ“ auffallen wollten;

Informative Einflüsse: Die können darin bestehen, dass die Testperson Zweifel bekommt an der eigenen Wahrnehmung, oder aber, dass sie vermutet, die anderen Anwesenden könnten wider Erwarten doch Recht haben oder aber, sie könnten bessere Informationen besitzen.

Täuschung durch Überzeichnen wichtiger Faktoren

Eine andere Gefahr für die Gutachtensarbeit kann darin bestehen, dass sich der Sachverständige in Bezug auf ein Ergebnis so sehr in seine Vorstellungen oder Erwartungen hineinversetzt, dass er Widersprüche, Warnsignale oder gegenläufige Hinweise glatt übersieht. Aus dem eigenen Erleben kann ich berichten, dass in der Erstellung eines Gutachtens die intensive Beschäftigung mit einem vermeintlich wichtigen Aspekt dazu geführt hat, dass nach angemessener „Ruhezeit“ von ein, zwei Tagen und kritischer Überprüfung des Erstellten ein gesamtes Kapitel des Gutachtens ersatzlos gestrichen werden musste, weil es für das Ergebnis einfach nicht relevant war …

Gorillas in unserer Mitte …

Im Jahr 1999 veröffentlichten zwei Forscher der Universität Illinois, Christopher Chabris und Daniel Simons, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen und Experimente betreffend die Aufmerksamkeit von Menschen. Die beiden Forscher zeigten in ihrer Publikation, dass Menschen, die sich auf eine Sache konzentrieren, leicht eine andere Sache übersehen können, die sich in ihrem Blickfeld abspielt. Die Versuchspersonen einer Reihe von Experimenten hatten die Aufgabe, die Anzahl der richtigen Fänge in einem Ballspiel zwischen zwei Mannschaften zu zählen. Während des Spiels lief eine als zotteliger Gorilla verkleidete Person quer über das Spielfeld: Nur etwa die Hälfte der Testpersonen bemerkte diese Figur!

,,, und die „Unaufmerksamkeitsblindheit“.

So nennt man diesen Effekt mittlerweile. Seine Existenz wurde auch in ähnlichen Versuchen anderer Wissenschaftler bestätigt. – Ich denke, dass nicht nur Sachverständige, sondern alle geistig-schöpferisch Tätigen und alle jene, die sich unter Einsatz ihrer natürlichen Intelligenz intensiv mit schwierigen Aufgaben beschäftigen, etwa mit komplexen Problemlösungen, diese „Unaufmerksamkeitsblindheit“ aus eigener Erfahrung nur allzu gut kennen. Wir dürfen vermuten, dass im Gegensatz dazu Künstliche Intelligenz dieses menschliche Problem nicht hat. Künstliche Intelligenz ist jedoch der Gorilla, der gerade quer durch die Szenerie läuft. Frage: Gilt ihm unsere Aufmerksamkeit in ausreichendem Maße?

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