(IRS) – Allein schon durch das Tragen des Titels eines allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen wird dieser eine gewisses Ansehen und einen nicht geringen Vorschuss an Vertrauen genießen dürfen. Es ist davon auszugehen, dass sich eine Anzahl von Sachverständigen allein schon aus diesem Grund bemüht, die nötige Hürde zu überspringen: Die nötige Praxis sammeln, Vorbereitungskurs besuchen, Prüfung und Eid ablegen. Damit ist das gesetzte Ziel aber auch schon erreicht. Es geht dieser Gruppe nicht darum, in weiterer Folge Aufträge zu lukrieren, es genügt die Einfügung des neuen Titels in die Visitenkarte.
Einstieg und Unsicherheiten
Meines Erachtens ist jedoch die überwiegende Zahl von Sachverständigen weniger an der Titelei, sondern mehr an damit verbundenen Aufträgen interessiert. Das Angenehme dabei ist, dass Sachverständige im Regelfall ihre Arbeit im Nebenberuf ausüben und daher nicht darauf angewiesen sind, sofort und mit Nachdruck akquirieren zu müssen. Dennoch wird man sich stets offen zeigen für Gelegenheiten, die sich bieten. Anfangs sind diese vielleicht von Schwierigkeit und Honorar her gesehen wenig spektakulär. Aber das ist auch gut so, denn in einer Einstiegsphase sieht sich wohl jeder Neuling mit Unsicherheiten konfrontiert, die Arbeit erfolgt demnach in kleinen Schritten und erfordert im Verhältnis zur Sache viel Zeit, wahrscheinlich sehr viel Zeit, die noch nicht zur Gänze honoriert werden wird.
Gute und weniger gute Hilfen
Thema dabei war in erster Linie die rechte Vorgangsweise bei der Befundaufnahme und der Gutachtenserstellung. In meiner Erinnerung war in der Anfangsphase sehr hilfreich, in der Suche nach dem „Was?“ und „Wie?“ als Beispiele auf einige Gutachten von Sachverständigen aus eigenen oder verwandten Sachgebieten zurückgreifen zu können. Genauso aber war der fachgerechte Einsatz von Werkzeugen eine Frage, etwa der von Messgeräten. Auch musste ich noch lernen, dass nicht jeder, der sich als Sachverständiger deklarierte und mit dem ich daher zusammenarbeitete, nach strengen Regeln der Technik werkte und leider Geräte einsetzte, die nicht geeicht waren. Aber wahrscheinlich zahlt halt jeder einmal gewisses Lehrgeld.
Konfliktbehandlung und Menschenkenntnis
Zur korrekten fachlichen Ausführung von Aufträgen kam als weitere Herausforderung der Umgang mit Menschen, mit denen ich bei Befundaufnahmen und im Gerichtssaal zusammentraf. Wobei letzterer Begriff bewusst gewählt ist, da ein Sachverständiger in fast allen Gerichtsfällen auf Konfliktpotential trifft und lernen muss, damit aktiv umzugehen. Mir hat die jahrzehntelange Baustellenpraxis sehr viel dabei geholfen, den richtigen Ton zu treffen. Das bedeutet, nicht nur mit Architekten, Bauleuten und Professionisten auszukommen, sondern auch mit einfach gestrickten Charakteren. Wichtig wieder die 4 M: Man muss Menschen mögen. Oder anders und provokanter gesagt: Misanthropen sind in der Sachverständigenwelt fehl am Platz.
Begegnung mit Persönlichkeiten der Rechtssphäre
Das erfolgreiche Eingehen auf unterschiedliche Persönlichkeiten ist auch in anderer Hinsicht unerlässlich: Das Zusammenwirken mit Vertretern der Rechtssphäre – Richtern und Richterinnen, Rechtsanwälten – ist für die meisten Neulinge ungewohnt und war es auch für mich. Nicht nur war die Sprache dieser Menschen fremd und oft unverständlich, setzten insbesondere Rechtsanwälte ihr schauspielerisches und für mich oft einschüchterndes rhetorisches Talent gerne dann in Szene, wenn sie meine Unsicherheit bemerkten. Aber auch das änderte sich sehr bald und manches „Gerangel“ wurde sowohl für die involvierten Juristen als auch für mich ein Vergnügen.
Gefahren der Routine
Im Verlauf der Jahre und nach etlichen Gerichtsverfahren hat sich in Bezug auf die Tätigkeit als Sachverständiger trotz unterschiedlichster Aufgaben eine gewisse Routine breitgemacht. Das hat sich hin und wieder dadurch gezeigt, dass die Gegebenheiten mancher Fälle zu vorschnellen und leider falschen Schlüssen geführt haben. Wer das überseht, muss zwangsläufig mit Umwegen rechnen. In meinem Fall mit der Konsequenz, dass einzelne, mühsam erarbeitete Kapitel plötzlich sinnlos waren und entfernt werden mussten. In ein, zwei Fällen war gar das ganze Gutachten umzuschreiben. Schade um die leeren Kilometer!
Weder über- noch unterschätzen!
Wichtig ist, eine möglichst klare Sicht auf sich selbst zu bewahren, auf die eigenen Stärken und Schwächen, sowohl in fachlicher als auch persönlicher Sicht. Offene Gespräche nicht nur mit Kollegen, sondern auch mit nicht fachlich Involvierten, haben mir viele Korrekturen ermöglicht. Gute Freunde beschönigen nichts, sondern halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Mir war wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und die persönlichen Fähigkeiten weder zu unter-, noch zu überschätzen. Wer einen Ehepartner hat, wird, was das Persönliche betrifft, ohnehin stets auf dem Boden der Realität gehalten, und das ist auch gut so.
Das Ego trat aus dem Weg
Im Lauf der „Karriere“ änderte sich meine Art des Herangehens an Aufgaben in grundlegender Weise. Zwei Faktoren waren dafür maßgeblich: Der erste lag darin, dass jede Bedachtnahme auf vermeintliche Vorgaben oder Erwartungen der Auftraggeber, des Gerichts, der Parteien und deren Vertreter weggefallen ist. Das hängt damit zusammen, dass ich anfangs meist unbewusst zu sehr auf mein Ego geachtet habe oder anders gesagt auf mögliche Nachteile für mein Ansehen („Image“) bei diesen Personen für den Fall, dass meinerseits Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen nicht ausreichend gewesen wären. Recht bald ist das völlig weggefallen, ich musste und wollte auch keinem mehr etwas beweisen.
Intuition statt krampfhaftem Grübeln
Der zweite Faktor hat mit der im Laufe der Zeit zunehmenden Erfahrung, aber auch mit der Reifung der Persönlichkeit zu tun. Anfangs bin ich Aufträgen und deren Aufgabenstellungen bildlich gesprochen von außen gegenübergetreten, ständig begleitet von der Frage, ob, wann und wie welche Werkzeuge des Wissens oer der Erfahrung aus dem gedanklich mitgeschleppten Koffer jetzt gerade die richtigen sein würden und wie sie eingesetzt werden sollten. In der späteren Phase bin ich dann ohne belastenden Werkzeugkoffer auf die Aufgabe zugegangen und ohne vorgefasste Meinung, bin also gleichsam in das Problem hineingetreten und habe auf Intuitionen geachtet, die zu einer Lösung führen würden. Das hat immer funktioniert.
Die Demut des Experten
Das Bewusstsein um meine Unvollkommenheit auch als Sachverständiger hat mich im Lauf der Zeit demütig werden lassen. Wissen und Erfahrung bleiben immer eingegrenzt auf das selbst erlebte Wirkungsfeld. In meiner Arbeit war ich auf Gottes Hilfe angewiesen und habe auf sie vertraut. Demut ist eine wichtige Sache, auch für Sachverständige, überhaupt für Experten aller Art. Das gilt selbstverständlich auch dann, wenn ich Anerkennung für meine Arbeit bekomme oder positive Rückmeldungen. Auch nach äußerst erfolgreichen Anlässen mit hoch erfreuten Auftraggebern muss ich am Boden bleiben können. Genauso im Fall, dass die Arbeit gut war, aber erwartete Anerkennung dafür ausgeblieben ist.
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