Sonnek

Eule

(IRS) – Es kann eine sehr spannende Sache sein, über Erfahrungen mit Menschen zu sprechen, die im Laufe unseres Lebens im besten Sinn des Wortes bleibend Eindruck hinterlassen haben. Das trifft klarerweise in erster Linie zu auf Verwandte, Freunde oder Bekannte. Aber nicht von denen soll hier die Rede sein, sondern von einigen Personen, die mich auf meinem Bildungs- oder Ausbildungsweg in verschiedenen Phasen eine Zeitlang begleitet haben. Und zwar von einzelnen Menschen mit bezeichnenden Stärken oder auch Schwächen, die aufgrund ihres Wirkens, ihres Einflusses oder ihres Charakters in bestimmter Weise prägend waren.

Die Volksschullehrerin

Meine Eltern hatten Wert gelegt darauf, dass ich die Volksschule in der Stadt Weiz besuchen sollte und nicht die etwas näher gelegene – damals etwas ländlicher ausgerichtete – auf dem Weizberg. Die Lehrerin für die ersten drei Schuljahre war Johanna Fleischhacker, eine alleinstehende Dame, ihr Freund war nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt. Mit gebührender Strenge, aber auch mit Humor, verstand sie es, unsere Bubenklasse zu führen.

Ihrem Engagement zu danken sind die zahlreichen und für mich unvergesslichen Exkursionen und Besuche bei Unternehmen, die heute in dieser Art nicht mehr existieren: Die Molkerei im Ort, ein Hammerwerk, eine Drechslerei, Handwerksbetriebe. Auch die vielen geführten Spaziergänge und Wanderungen in der engeren Gegend hinterließen Eindruck, besonders die Fahrten zu einzelnen Zielen auf der Schmalspurbahn und damals noch mit Dampflok …

Der Klassenvorstand

Weiz war damals und ist auch heute noch Bezirkshauptstadt, aber ein Gymnasium gab es nur in der etwas kleineren Stadt Gleisdorf, sechzehn Kilometer weiter südlich. Der Schulweg beinhaltete daher einen ordentlichen Fußmarsch vom Einfamilienhaus unserer Familie zum Bahnhof, die Fahrt nach Gleisdorf, in den ersten Jahren mit der Bahn, später mit dem Bus, und nochmals einen respektablen Fußmarsch zum Gymnasium. In der Oberstufe bekamen wir einen neuen Klassenvorstand, Fritz Lehner, einen gebürtigen Oberösterreicher aus Wels. Wir hatten den „Barbarossa“ auch in Latein und später dazu noch in Englisch.

Auch er wusste, wie man sich Respekt verschafft. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Fähigkeit, für Latein zu begeistern durch Aufzeigen dessen zahlreicher Spuren in unserer Sprache und durch gute begleitende Informationen aus der Geschichte. Hohe Alltagsrelevanz hatte auch sein Englischunterricht, was dazu beitrug, dass ich in diesem Fach eine mündliche Maturaprüfung abgelegt habe. Aktiv war er auch in politischer Hinsicht: Als bekennender Sozialdemokrat brachte er es als „Zuagroaster“ (heißt: Zugezogener) sogar zu einem Sitz im Gleisdorfer Gemeinderat …

Der Mathe- und Physikprofessor

In Mathematik habe ich mich im Gymnasium redlich geplagt. Unser Mathematik-Professor in der Oberstufe, Josef Zoller, hat es mir und anderen aus meiner Sicht auch nicht leicht gemacht. Was manchmal demotivierend war, zu anderen Zeiten aber im positiven Sinn herausfordernd. Denn seine Anforderungen waren hoch, sein Lehrstil und seine Didaktik empfand ich – gelinde gesagt – etwas eigenwillig. Meine Erfolgserlebnisse waren rar, aber es gab sie doch. Es ist mir sogar gelungen, in all den acht Jahren Gymnasium eine einzige Schularbeit auf „sehr gut“ zu schreiben: Die allerletzte in der achten Klasse. Jedenfalls empfinden manche Absolventen das Duschhalten unter ihm Nachhinein als eine Art Adelsprädikat. Und als Verbindung stiftendes Merkmal: Eine etwas sperrige und bockige Auskunftsperson in einem Gutachtensfall wandelte sich zu einer sprudelnden Informationsquelle, nachdem wir beide festgestellt hatten, in Mathe „den Zoller“ gehabt zu haben …

Eine ganz andere Sache hingegen war sein Physikunterricht. Da war ich bei den Besten, denn das Fach interessierte mich. Vor allem aber wegen des Humoreffekts, weil etliche der von „Le Sepp“ durchgeführten und teilweise improvisierten Versuche grandios scheiterten und dadurch erst recht unvergesslich wurden:

-          Vielleicht weil er nicht gerade zierliche Hände besaß, ging das filigrane Glasmodell einer Brunnenpumpe bereits bei der ersten Vorstellung klirrend zu Bruch. Jedenfalls habe ich mir gemerkt, dass es ein Saug- und ein Druckventil aufgewiesen haben soll.

-          Zwecks Spektralanalyse des Flammenlichts hielt ein assistierender Schüler an einer Zange ein  Stück Magnesium in die offene Flamme des Bunsenbrenners. Der Professor war mit dem Effekt nicht zufrieden, wollte es selbst versuchen, griff die Zange am heißen Ende an, warf sie jaulend weg und stürzte zum Waschbecken, um die Brandwunde zu kühlen.

-          Zum Thema Magnetismus wollte er mittels Hufeisenmagnet Metallkügelchen aus einem Glas holen. Der Professor war etwas überrascht, dass das nicht funktionierte, aber jeder, der damals in der Klasse saß, weiß seither, dass Bleikugeln nicht auf Hufeisenmagnete reagieren.

Das sind nur drei der vielen derartigen Erlebnisse, die ich nicht vergessen kann. Jedenfalls habe ich in Physik mündlich bei ihm maturiert und offenbar wider des Professors Erwarten mit „sehr gut“ abgeschlossen, was ihn dann beim Abschied zur Bemerkung veranlasst hat: „Aber in Mathematik hast Du immer noch einen Dreier!“

Der Professor für Darstellende Geometrie

Als eine Hilfskraft am Institut das Ergebnis meines stundenlangen Bemühens um korrekte konstruktive dreidimensionale Darstellung des Sechskants eines Schraubenkopfes mit der Bemerkung aburteilte, das, was ich ihm gerade vorgelegt hatte, sei eine „saubere Freihandzeichnung“, war mir klar, dass an der damaligen Technischen Hochschule andere, wesentlich höhere Maßstäbe galten als beim „Burschi“, unserem Professor für Darstellende Geometrie am Gymnasium.

Der Leiter des Instituts, Fritz Hohenberg, war ehrfurchtgebietend in jeder Hinsicht. Zum einen pflegte er freihändig Zeichnungen an die Tafel zu werfen, die auf Anhieb passten. Schnittpunkte von Linien und Kurven saßen da, wo sie hingehörten. Mit tiefer, sonorer Stimme erklärte er Zusammenhänge. Gutem Humor war er nicht abgeneigt, sofern er das gerade besprochene Thema traf. Selbst von einer versehentlich zuhause liegen gelassenen Brille ließ er sich nicht vom Zeichnen abhalten: Die Seiten seines Buches „Konstruktive Geometrie in der Technik“ hatte er im Kopf, ebenso die Abbildungen, lediglich deren Nummern erfragte er sich aus der ersten Reihe der Zuhörer.

Hohenberg war noch von alter Schule, was Ordnung und Disziplin seiner Hörer betraf. Einen Studenten, der fünf Minuten zu spät in seine Vorlesung kam, warf er hochkant hinaus. Seine Prüfungen waren mit Recht gefürchtet. In der Zeit, als ich vor meiner Prüfungsaufgabe saß, machte sich in mir breite Sehnsucht breit, jetzt stattdessen irgendwo auf einem weit entfernten Berggipfel zu sitzen. Aber es ging alles glatt!

Der Professor für Verbrennungskraftmaschinen

Als künftiger Ingenieur empfand ich den Motorenbau als so etwas wie die Krone des  Maschinenbaus, natürlich zusammen mit den thermischen Turbomaschinen, denen später mein Hauptinteresse galt. Die Namen List und Pischinger strahlten damals weit über die Grenzen Österreichs hinaus, die beiden Wissenschaftler waren Herausgeber und Autoren der mehrbändigen Enzyklopädie „Die Verbrennungskraftmaschine“, die uns Studenten als Leitlinien für eigene Konstruktionsversuche dienten.

Anton Pischinger habe ich als unaufgeregten, väterlichen Charakter in Erinnerung, von seiner  Vorlesung über Verbrennungskraftmaschinen selbst ist mir vom Stoff her nicht viel in Erinnerung geblieben, weil alles irgendwie gleich interessant war. Was ich aber mitgenommen habe ist, dass gerade solche hervorragenden Wissenschaftler wie er ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Errungenschaften wenig herausstreichen, sondern sich lieber auf die momentane Aufgabe konzentrieren, die gerade vor ihnen liegt.

Meine mündliche Prüfung habe ich bei ihm zusammen mit einem Kollegen abgelegt. Als dieser auf die an ihn so nebenbei gestellte Zusatzfrage, wie schnell sich die Nockenwelle eines Viertakt-Motors denn dreht im Verhältnis zur Kurbelwelle (halb so schnell), antwortete der Kollege prompt falsch (gleich schnell). Der Professor schien die Antwort nicht gehört zu haben und kam über einen kurzen rhetorischen Umweg wieder auf die Frage zurück, die der über seinen Fehler etwas erschrockene Kollege diesmal richtig beantwortete und auch begründete.

Der Professor für Wärmetechnik

An den genauen Titel der Vorlesung über den Kraftwerksbau und der zugehörigen Übung kann ich mich nicht mehr erinnern (ich müsste in den Zeugnissen nachschauen), Tatsache ist aber, dass sich zu dieser Zeit anfangs der Siebziger Jahre sich das Thema Kraftwerke sehr stark auf Atomkraftwerke konzentrierte. In Folge dazu waren Druckwasser-Reaktoren ein bevorzugtes Aufgabengebiet. Die praktische Frage war meist nur, ob als Vorbild für eigene Entwürfe der amerikanischen Bauweise (Westinghouse) der Vorzug gegeben wurde oder der russischen (Woronesch).

Vorstand der Lehrkanzel und zuständiger Professor war Paul Viktor Gilli. Mit seinem etwas süffisanten Humor und mit seinen oft ironischen Bemerkungen konnte ich als Student nicht viel anfangen, dazu war ich noch nicht locker genug. Bei Besprechung meiner Reaktor-Konstruktion gab ich den Durchmesser eines Rohres für die Uran-Tabletten gesprächsweise mit „zwei Zentimeter“ an, was eine langgezogene Antwort in gespielt-entsetztem Ton nach sich zog: „Herr Soooonek – Zeeeentimeeeter – ein Mauuuurermaß!“ Ist mir seither unvergesslich klar, Maurer messen in Zentimeter, Maschinenbauer in Millimeter …

Etwa Zwanzig Jahre später saßen wir auf einer internationalen Konferenz über Gasturbinen zusammen. Er war Leiter einer Arbeitssitzung, ich sein Vize. Wir erteilten den Vortragenden das Wort und leiteten die Diskussionen am Schluss der Vorträge. Seine immer anerkennenden, aber mit Witz vorgebrachten Randbemerkungen über manche Themen und Vortragsinhalte habe ich gerne und mit Schmunzeln registriert …

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