(IRS, Meinung) – Wer sein Auto aus höherer Geschwindigkeit rasch abbremsen und das Lenkrad stark einschlagen muss, um einem Hindernis auszuweichen, läuft in Gefahr, ins Schleudern zu kommen. Diese Situation kennt vermutlich jeder, der schon längere Zeit Autofahrer ist. Dass fast die gesamte Automobilindustrie Deutschlands ins Schleudern gekommen ist, betrifft nicht nur dieses mächtige Industrieland, sondern auch beträchtliche Teile der autonahen Zulieferindustrie unseres Landes. Es ist daher auch hierzulande durchaus angebracht, zu überlegen, wie die Industrie aus diesem Schlamassel herauskommen könnte.
Außenstehende haben zwar wenig Information, können aber beobachten
Wer eine Situation verbessern will, müsste zunächst einmal die Ursachen finden dann analysieren und versuchen, klar und unzweifelhaft zu erkennen und festzuhalten, was passiert ist (quasi einen Befund erstellen) und daraus zu schließen, welche Versäumnisse oder Fehler gemacht worden sind), (also ein Gutachten darüber zu erstellen). Dem Außenstehenden fehlen bedauernswerterweise die zentralen Informationen dazu, also muss er sich auf eigene Beobachtungen oder Eindrücke stützen, so unvollkommen oder ungenau diese auch sein mögen. Aber es ist eine interessante Berufs- und Lebenserfahrung, dass Außenstehende oft besser Zusammenhänge finden als Insider, die bis über die Ohren ein einer Sache und deren Probleme stecken.
Die Zeit der Wassermelonen
Im Rückblick sehe ich einen Riesenschaden für die deutsche Industrie, den jene aggressive Ideologie europaweit verursacht hat, deren Maskottchen am besten mit einer Wassermelone zu beschreiben ist: Außen grün, innen rot. Äußerlich umwelt- und klimabetroffen, zugleich innerlich bevormundend, überzogen regulierend, stur, humor- und gnadenlos agitierend gegen alles, was der eigenen Denkart skeptisch oder gar kritisch entgegensteht. Das ist die subjektive Sicht eines, dem früher einmal die grüne Gedankenwelt sehr sympathisch war. Aber Zeiten, Menschen und politische Bewegungen ändern sich halt.
Die Verdammung des Dieselmotors
Aus der nüchternen Sicht des Maschinenbauers war eines der ersten Opfer der Auto-Dieselmotor. Und das völlig zu Unrecht, ist er doch die Verbrennungskraftmaschine mit dem höchsten Wirkungsgrad. Der Abgasskandal mit der Bestrafung Verantwortlicher hat als Eigenfehler zwar viel zu seinem plötzlich schlechten Image beigetragen, aber bestimmten Gruppen und den Propagandisten der allheilmachenden E-Mobilität kam das gerade recht. Dem deutschem Automobil-Motorenbau ging damit eines der besten Zeugnisse seiner Ingenieurkunst und der Industrie ein Führungsbereich verloren.
Verwirrung statt gelassener Überlegung
Die Verantwortlichen der Europäischen Union setzten unter dem erstarkenden Einfluss der Wassermelonen auf eine rasche Wende zur E-Mobilität und verfügten sinnloserweise überhaupt gleich das Ende des Verbrennungsmotors. Der damit verbundene überbordende Regulierungswahn war ein Schlag in die Magengrube der Autoindustrie, wiederum in erster Linie der deutschen. Die in Europa daraus entstehende Verwirrung – anders kann ich das nicht bezeichnen – kam vor allem der gewaltig expandierenden chinesischen Autoindustrie gerade recht. Sie begann, mit ihren E-Modellen in den EU-Markt einzudringen. Die Reaktion der Europäer mit ersten eigenen E-Modellen verlief wenig erfolgreich. Die Europäer hätten den Trend schlicht verschlafen, hieß es. Folge: Sowohl auf Seiten der EU als auch auf Seiten der Industrie schien man zu sorgfältiger Überlegung und Gelassenheit nicht mehr fähig.
Ein Blick zurück
Über Jahrzehnte hatte die deutsche Autoindustrie in China einen stabilen Absatzmarkt. In zahlreichen Joint-Ventures entstanden gewinnbringende Konstellationen, gleichzeitig wanderte wertvollstes Know-How aus Entwicklungsbüros und aus Fertigungsstätten direkt zu lernbereiten chinesischen Partnern. Wenn es in diesen Zeiten gar zu – wie vielfach gemunkelt wurde – Diebstählen an geistigem Eigentum gekommen sein sollte, wurde dies – vermute ich mal – wohl im Blick auf die trotz allem prächtig laufenden Geschäfte ignoriert. Kurzum: Das Geschäft lief, was wollte man auch mehr. Aber es hatte in meinen Augen einen Preis: Die „Asiatisierung“.
Die Asiatisierung der Fahrzeuge, besonders der Karosserien
Diese Konzentration auf den asiatischen, im Besonderen auf den chinesischen Markt, hatte, was Autos betrifft, deutlich sichtbare Folgen. Karossen der Fahrzeuge deutscher Premiumhersteller hatten sich bislang durch elegante, um nicht zu sagen schlichte und glattflächige Linienführung ausgezeichnet hatten, bekamen plötzlich Wulste, Beulen und Sicken an Stellen, an denen man es zuvor nicht nötig gehalten hatte. Bisher in meinen Augen als klassisch schön gestaltete Fahrzeuge waren plötzlich futsch. Besonders arg wurden die Auswüchse an einigen großen SUV, deren Namen ich mich bewusst geweigert habe, wahrzunehmen. Man wollte, so scheint’s, vor allem oder gar ausschließlich asiatischen Geschmäckern Genüge tun.
Erste Korrekturen
Eine der Chancen für die deutschen Autobauer sehe ich darin, dass sie wieder zu alten Tugenden zurückkehren. Vielleicht kommt es zur Wiederbelebung des Grundsatzes „form follows function“, aber halt mit Eleganz. Erste Ansätze in diese Richtung sehe ich in der neuen Audi-Studie „Concept C“. Audis waren ja mal wirklich elegant und fast zeitlos schön. Was ich heute herumfahren sehe, empfinde ich als grauslich und einer großen Marke unwürdig. Diese Beobachtung gilt auch für andere Marken. Doch auch Mercedes hat was Kluges getan: Die Elektro-Submarke EQS oder ähnlich eingestampft und das E-Portefeuille ganz unspektakulär in die „normalen“ Produktlinien übernommen. In meinen Augen aus mehreren Gründen ein cleverer Schachzug.
Hoffnungen
Auch im Sinne der österreichischen Wirtschaft und der vielen Zulieferbetriebe hoffe ich, dass die Erwähnten richtig auf die aktuellen Herausforderungen antworten, sich zu neuem Selbstbewusstsein emporschwingen, sich richtig positionieren und die alten Tugenden wiederbeleben, soweit sie in der neuen Zeit ihre Berechtigung noch nicht verloren haben. Vor allem hoffe ich, dass sich endlich Industriekapitäne finden, die unbequeme Tatsachen beim Namen nennen, und zwar noch bevor es zu spät ist. Und die den Mut haben, der zerstörerischen Wassermelonen-Ideologie zumindest in Bezug auf das eigene industrielle Wirkungsumfeld endgültig den Riegel vorzuschieben.
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