(IRS) – Im Zuge des Doktoratsstudiums an der TU waren eine Reihe von Vorlesungen zu besuchen. Zu den meisten dieser Vorlesungen galt es auch, deren zugehörige Übungen zu absolvieren. Eine der gewählten Vorlesungen hatte das Thema „Wissensmanagement“. Sie wurde abgehalten an dem Institut, das auch für die Dissertation zuständig war. Die erwähnten Übungen dazu wurden von zwei Assistentinnen des Instituts geleitet, Frau E. und Frau V. Die beiden Damen kannte ich bereits aus gemeinsamen Gesprächen mit dem Institutsleiter, weil sie ebenfalls in den Vorbereitungsarbeiten für ihre Dissertationen steckten.
Beim ersten Treffen aller Übungsteilnehmer wurde zuerst einmal eine Einteilung nach Gruppen vorgenommen. Als erstes fand sich spontan eine Anzahl Gleichgesinnter, vermutlich aus irgendeinem Institut im Hause. Dann gab es da noch eine Fraktion der – wenn ich mich recht erinnere – Formula-Student-Gruppe, genannt „Rennfahrer“, die sich mit viel Hallo auch gleich um einen Tisch scharte. Und dann stand da noch ein weiterer Tisch, an dem drei junge Damen saßen. Ich denke, es war Assistentin Frau E., die kurz überlegte und mich deutlich älteren Einzelgänger aufforderte: „Geh, bitte setz‘ dich doch zu den Damen.“
So weit, so gut.
Die drei Damen kannten sich offenbar bestens und schienen sich auch auf neue Herausforderungen zu freuen. Eine davon war J. Sie sollte ein paar Jahre später zu den wichtigsten „Forbes 30 under 30“ in Europa für Science und Healthcare werden. Heute ist sie als TU-Professorin und Wissenschaftlerin international weltweit unterwegs. Aber ich will nicht vorgreifen. Die beiden anderen Damen waren Zwillinge. Eine davon trug Zahnspangen, was ihre Aussprache für mich gelinde gesagt sehr schwer verständlich machte. Aber alle waren überaus nett und freundlich. Das war also die Ausgangsbasis.
Wir bekamen teamweise folgende Aufgabenstellung: „Führen Sie in einem Unternehmen – einem echten oder einem gedachten – auf Basis des in der Vorlesung erworbenen Wissens ein System für Wissensmanagement ein! Arbeiten Sie dieses Projekt gemeinsam aus und präsentieren Sie das Ergebnis dann vor allen Gruppen. Sie haben dazu acht Wochen Zeit. Als praktisches Hilfsmittel wird eine Software für das „Coworking“ zur Verfügung gestellt, in der die Mitglieder einer Gruppe zugleich arbeiten können.“ – Kommentar der drei Damen am Tisch: „Acht Wochen? Das haben wir doch in Nullkommanix!“
Mein zunächst vorsichtig vorgetragenes Ansinnen, ein Ingenieurbüro als Unternehmensbeispiel zu wählen, wurde freundlich, aber mit Bestimmtheit verworfen. Ein Ingenieurbüro als Anwendungsbeispiel war offensichtlich viel zu trivial. Die Damen haben sich dann auf eine Art IT-Unternehmen oder eine Institution mit Forschungstätigkeit geeinigt, dessen oder deren interne Struktur und Aufgabe mir verborgen blieben. Jedenfalls muss genannte Organisation hochkomplex gewesen sein. Die dafür getroffenen Festlegungen der Damen waren für mich aufgrund der zahlreichen unbekannten Fachbegriffe unverständlich.
Gegen Ende der Übungsstunde muss J. meine ernste und offensichtlich ratlose Miene aufgefallen sein. Sie sah mich kurz an und meinte nur: „Ingo, wenn Du Dich nicht auskennst, frag‘!“ Das war wiederum sehr nett und bestimmt gut gemeint, aber was soll man fragen, wenn man nicht einmal weiß, wovon die Rede ist? Tief in meinem Inneren jedenfalls zollte ich den Damen höchsten Respekt. – Das war am Vormittag.
Irgendwann am Nachmittag desselben Tages habe ich mir gedacht: So, jetzt setze ich mich an das Notebook, schaue mir mal die ominöse Coworking-Software näher an und versuche herauszufinden, wie sie funktioniert. Ich öffne die Arbeitsseite und was sehe ich: Die Damen arbeiten simultan höchst fleißig und haben bereits eine Riesenmenge an Text produziert, die vor meinen Augen laufend wächst. Und das nicht einmal einen halben Tag später! Jede Teilnehmerin hat ihre eigene Farbe, sehe ich. Ich überfliege den Text. Schreibe eine Zeile irgendwo dazu, wo es mir passend erscheint. Meine Textfarbe ist blau, wie sich herausstellt.
Erste Reaktion: „Wer bist Du?“ – Hatte übersehen, dass die „Coworking“-Software nach einer Anmeldung verlangt, wenn man seine Brillanz in die Wissenswelt einbringen will. Das tue ich natürlich sofort. Mein erster Satz wird nicht kommentiert. Er wird in der Folge schlicht ignoriert. War offenbar nicht passend. Auch auf meinen zweiten und dritten Einwurf erfolgt keine Reaktion. Ich gebe auf. Die blauen Sätze wandern nach und nach in eine Ecke und verschwinden dann ganz. Die Damen führen die Arbeit ohne mein Zutun zu Ende.
In der nächsten Übungsstunde ein paar Wochen später wird in jeder Gruppe das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit durchbesprochen. Die Übungsleiterinnen schlagen vor, die Präsentation in der kommenden Woche mündlich und mithilfe von Powerpoint abzuhalten. Ich habe dann ganz schüchtern gefragt: „Und wer macht das bei uns?“ Die Antwort kam unisono zurück: „Na, Ingo, Du natürlich!“. Die Damen haben mir sehr nett zugeredet, ich hätte ja mehr Erfahrung, wie man so eine Präsentation macht, sie würden sich bei sowas weniger auskennen und die Arbeit sei ja fertig. Nach einigem Zögern hab‘ ich schließlich zugesagt.
Um es kurz zu machen: Unsere Gruppe hatte die letzte der drei Präsentationen. Sie ist gut verlaufen, sehr gut sogar, es hat viel Applaus gegeben und reichlichen und aufrichtigen Dank der drei Damen. Routine aus langjähriger Arbeit in Interessenvertretungen hat mir offensichtlich geholfen, in einer Übung zu Wissensmanagement überzeugend Dinge zu vertreten, von denen ich nach wie vor keine Ahnung habe.
Zurückgeblieben bin ich damals im Seminarraum mit einem Gedanken: Hoffentlich gibt es keinen Wissensmanager oder auch Wissenschaftler, der seine Sache überzeugend vertreten kann und dabei von seiner Materie so wenig Ahnung hat wie ich in meinem Fall. – Aber seit den Debatten um Pandemie, Energiewende, Klimawandel etc. bin ich mir da nicht mehr sicher.
Und übrigens: Auf die “gemeinsame” Übung zu praktisch angewandtem Wissensmanagement haben wir alle vier die Bestnote gekriegt.
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