Sonnek

Ende Gericht

07.11.2018
Adler

Für jeden allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen kommt einmal der Zeitpunkt, sich von der Tätigkeit bei Gericht zu verabschieden. Das ist üblicherweise mit dem Erreichen oder Vollenden des siebzigsten Lebensjahres der Fall. Als Privatgutachter oder Berater kann danach natürlich jeder so lange arbeiten, wie er will, aber vor den Schranken der Justiz ist Schluss. Diese Tatsache wird vom Gericht zwar nicht offiziell mitgeteilt, ist aber gelebte Praxis und die ist auch gut so, kann man doch davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt nur mehr wenige beruflich aktiv sind. Zeit zum Rückblick und Anlass, Bilanz zu ziehen.

Erwartungen

Zu Beginn der Sachverständigentätigkeit stand das Bemühen im Mittelpunkt, alle gestellten Aufgaben fachlich-sachlich richtig und untadelig zu bewältigen. Damit verbunden waren die Erwartungen, dass ebendiese sachliche Klärung das Wichtigste am Gerichtsverfahren sein würde und es damit dann seine Bewandtnis hätte. Schnell aber wurde klar, dass wie halt bei allen mit Menschen verbundenen Interaktionen nicht nur das Was entscheidend war, sondern auch das Wie, also die Art und Weise der Darstellung dessen, was zu sagen ist und dass dazu auch die Gestaltung des persönlichen Auftrittes gehört.

Erfahrungen

Ein Rückblick auf Erlebnisse der vergangenen zwei Jahrzehnte lässt aus einer Fülle von Bildern jene hervorstechen, die mit besonderen Erfahrungen verbunden sind. Darunter solche auf beruflicher und fachlicher Ebene, etwa wenn selbstständig gewonnene Erkenntnisse den eigenen Wissensschatz deutlich erweitern und bereichern. Oder wenn sich für anfänglich als unlösbar angesehene Aufgabenstellungen doch plötzliche Lösungswege abzuzeichnen beginnen. Oder wenn sich aus partnerschaftlichem Zusammenwirken mit anfänglich unbekannten Kollegen bleibend gute Freundschaften entwickeln.

Anstrengungen

Ein großer Vorteil der Arbeit für Gericht besteht darin, dass im Regelfall ausreichend Zeit zum Bearbeiten von Aufträgen besteht. Die scheinbar großen Spannen zwischen Terminen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Gutachtertätigkeit notfalls auf wenige Stunden vor der Gutachtensabgabe beschränken lassen. Es gilt das Gegenteil: Denkarbeit braucht ausreichend Zeit, die gut geplant sein will. Das erfordert viel Disziplin, ständiges Aufschieben kommt nicht in Frage. Dazu ist ständige Lernbereitschaft notwendig, ein Großteil der Arbeit eines Sachverständigen besteht schließlich aus bezahltem Lernen.

Begegnungen

Der thematischen Vielfalt an Fragen in den Gutachtensaufträgen steht eine ebensolche an damit verbundenen Personen gegenüber. Die Palette reicht vom einfachen Menschen vom Land, der reiche praktische Fähigkeiten besitzt, sich aber nur sehr schwer und mit richterlicher Hilfe artikulieren kann bis zum hochgradig intellektuell auftretenden Experten, der reiches theoretisches Wissen zu besitzen scheint, sich aber auch nur mit richterlicher Hilfe verständlich zu artikulieren imstande ist. Offensichtlich und irgendwie verständlich bleiben genau jene Menschen am ehesten in Erinnerung, die in signifikanter Art aus dem Rahmen fallen.

Beziehungen

Dass unter Kollegen durch gemeinsames Arbeiten Freundschaften entstehen können, wurde schon erwähnt. Zwar keine Freundschaften, aber gute und von wechselseitiger Sympathie getragene Beziehungen können auch zu Richtern entstehen, ja sogar zu Rechtsanwälten, selbst dann, wenn man hin und wieder in Verhandlungen hart miteinander „rangelt“. Erstens ist es diesbezüglich immer gut, zwischen einer Rolle zu unterscheiden, die jemand bekleidet, und dem Menschen dahinter. Zweitens ist die Goldene Regel eine gute Leitlinie für erfolgreiche Beziehungen: Behandle den anderen so, wie Du selbst behandelt werden möchtest.

Veränderungen

Die auffälligste Veränderung, die ein Sachverständiger im Laufe seiner Karriere erlebt ist die, dass er sich entlang der Stufen entwickelt, wie sie in der Fachliteratur von Dreyfus und North beschrieben werden. Das hat zur Folge, dass sich die gesamte Herangehensweise an Probleme verändert: Der Anfänger-Sachverständige sieht die Sache von außen und versucht sie methodisch und mit dem Einsatz bestimmter Werkzeuge zu lösen. Der erfahrene Sachverständige hingegen begibt sich in die Problemstellung gewissermaßen hinein und geht überwiegend intuitiv, vielleicht sogar spielerisch an die Lösung heran.

Haben Sie Erfahrungen zum Thema? Schreiben Sie mir bitte unter gmbh@sonnek.at!

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