Sonnek

Covid

Der Ortstermin zur Beweissicherung ist knapp vor Mittag angelegt. Das nicht ohne Grund. Im Vorfeld hat der Antragsgegner deutlich darauf hingewiesen, dass er die geltenden Vorsichtsmaßnahmen in dieser Pandemie-Zeit sehr ernst nimmt. „Wie viele Leute werden kommen? Von der anderen Seite zwei? Dann kommen von meiner Seite auch zwei. Kommen von der anderen Seite fünf, dann kommen von meiner Seite auch fünf! Der Heizraum hat zwölf Quadratmeter. Wie sollen wir Abstandsregeln einhalten? Ich gehöre zu einer Risikogruppe! Und überhaupt: Wer übernimmt für die ganze Sache die Verantwortung?“

Viele Fragen. Alle Beteiligten werden die Covid-Maßnahmen ernst nehmen. Ich selber gehöre außerdem auch zu einer Risikogruppe. Nach Rückfrage kann ich zusichern, dass die Antragstellerin – ein Unternehmen – nur durch zwei Personen, den Geschäftsführer und seine Rechtsvertretung, vertreten sein wird. Wer die Verantwortung übernimmt? Ist die Übernahme einer Gesamtverantwortung für einen schlichten, vom Gericht verfügten Ortstermin überhaupt notwendig, wenn lauter Erwachsene zusammenkommen? Es wird wohl hoffentlich noch soweit Vernunft herrschen, dass jeder selber für sich Verantwortung übermnehmen kann, was Schutzmaßnahmen betrifft. Oder täusche ich mich?

Ohne Covid-Schutzmaßnahmen geht momentan nix

Ich weiß schon, dass dann in der Praxis nicht so heiß gegessen wird. Außerdem sind wir in Österreich, in einem Land, in dem Improvisation und Schaffung eines Irgendwie-Auswegs zu den Nationaleigenschaften gehören. Sage ich jetzt mal ganz salopp. Natürlich wird ein Sachverständiger allein schon aus Sorgfaltspflicht nichts unbeachtet lassen, was er selbstbeeinflussen kann. Und das unaufgeregt und schön der Reihe nach.  - Wegen des späten Vormittagstermins kann ich noch zuvor in der Covid-Teststation unserer Regionalstadt vorbeischauen. Angemeldet habe ich mich schon am Vortag. Der Test geht rasch, warten muss ich nur auf die schriftliche Bestätigung, die ich später dabeihaben will.

Anfahrt, Anfang und erstes Abtasten

Testergebnis wie zu erwarten negativ, daher Aufbruch zum Termin in einem kleinen Ort in den Bergen, halbe Stunde Anfahrt. Es ist April, der Frühling lässt noch auf sich warten, oben herrscht leichtes Schneetreiben, die Temperatur ist knapp über Null. Zuerst ein Haus zu weit gefahren, dann richtiges Objekt gefunden und eingeparkt. Freundlicher Empfang, ich bin vor der Zeit da, aber schon der letzte von allen Teilnehmern. Übliche Routine, kurze Orientierung und Vorstellung, Verlesung des Beschlusses, Beschreibung der Vorgangsweise, Erfassung der Anwesenden. Es beginnen Diskussionen unter den anderen Beteiligten, mitunter recht lautstark, die die folgende Dreiviertelstunde begleiten werden. Ich bitte um Ruhe und versuche, mich aus den Geplänkeln herauszuhalten.

Zerrüttete Gesprächsbasis

Natürlich tragen im Haus alle ihre FFP2-Masken. Eine Distanz von zwei Metern zu halten ist illusorisch, einfach nicht möglich. Aber jeder geht insofern rücksichtsvoll mit seinem Nächsten um, dass er fast automatisch nach so viel Abstand wie nur möglich trachtet. Insgesamt sind wir letztlich sieben Personen, über Covid wird in weiterer Folge nicht mehr geredet, schließlich geht es jetzt um die Sache. Die Gesprächsbasis zwischen den Kontrahenten erscheint schon sehr zerrüttet. Das macht die Arbeit eines Sachverständigen nicht unbedingt leichter. Aber wenigstens muss ich nicht so weit gehen, einen Abbruch anzudrohen.

Was zur dicken Haut führt

Der Antragsgegner legte Wert darauf, dass ich um die Erlaubnis frage, fotografieren zu dürfen. Was ich höflichst tue, worauf ich huldvoll die Genehmigung erhalte. Meine Aktionen werden von seiner Seite sehr genau und mit einem gewissen Argwohn verfolgt, einige Fragen bekomme ich beantwortet, manches geht mühsam und wird durch jähe Einwände erschwert, aus meiner Sicht unnötig zwar, könnte aber dem einen oder anderen beteiligten Ego wichtig sein. Ist zu respektieren. Muss dennoch zugeben, dass ich Verhalten, Rede- und Herangehensweise Einzelner bisweilen als sehr nervig empfinde. Aber dieses Geschäft benötigt eine dicke Haut, wer die nicht hat, bekommt eine, vorausgesetzt, er hat nicht schon zuvor das Handtuch geworfen.

Reflexion ist wertvoll

Aus meiner Sicht konnte ich erledigen, was dem Gericht in dieser Sache wichtig war. Freundliche Verabschiedung, am Weg zurück lasse ich das alles nochmals in Gedanken Revue passieren. Ich hoffe, dass die Lichtbilder alles das deutlich wiedergeben, worauf es ankommt, meine Digitalkamera ist zwar nicht mehr das neueste Modell, hat aber hoffentlich auch hier noch ihren Zweck erfüllt. Ich denke, dass das Reflektieren nach einem solchen doch auch emotional anspruchsvollen Ereignis sehr wichtig ist. Interessanterweise sind es immer wieder einzelne Momente, die sich besonders einprägen.

Ein Nachtrag

Das Einzige, was mich in der Sache noch etwas aufscheucht ist ein Anruf am späten Nachmittag, in dem der Antragsgegner mich zur Rede stellt wegen einer Frage, die er mir am Vormittag beantwortet hat. Ich sehe keine Notwendigkeit, mich auch nur irgendwie rechtfertigen zu müssen. Es ist das einzige Mal, dass mich an diesem Tag meine Geduld verlässt, ich meine Lautstärke anhebe, den Anrufer zwecks Beschwerden an das Gericht verweise und einfach auflege. Das bin ich von mir nicht gewohnt (trotz dicker Haut und so) und zeigt, dass hier ein Sicherheitsventil aufgemacht hat. Vielleicht werde ich mich beim Anrufer später dafür entschuldigen. Vielleicht aber auch nicht.

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